| Kommentar |
Was ist eigentlich ‚ungarisch‘ an Liszts Rhapsodien oder Brahms' Ungarischen Tänzen? Und wer entscheidet darüber - ungarische Musiker selbst oder westeuropäische Komponisten, die diese Musik als exotisch vermarkten?
Im Seminar untersuchen wir die Konstruktion des ‚Ungarischen‘ in der europäischen Kunstmusik vom frühen 19. Jahrhundert bis in die 1940er Jahre. Dabei interessiert uns besonders die Spannung zwischen Selbstverständnis ungarischer Musiktraditionen und ihrer Wahrnehmung von außen: Wie wird ‚das Ungarische‘ für ein westeuropäisches Publikum erst skizziert, inszeniert und damit überhaupt vermarktbar gemacht?
Wir schauen uns an, wie Komponisten von Weber bis Bartók mit diesem Spannungsfeld umgegangen sind. Während etwa Liszt und Brahms ‚Ungarisches‘ als pittoresken Kontrast zum bürgerlichen Konzertsaal inszenieren, beginnen Bartók und Kodály mit systematischer Forschung, um tatsächliche Volksmusiktraditionen zu dokumentieren. Dabei stellt sich die Frage: Löst ethnografische Forschung das Problem der Exotisierung - oder schafft sie andere Formen kultureller Aneignung? |
| Literatur |
Bartók, Béla: Hungarian Folk Music, Oxford University Press, London 1931.
Klotz, Volker: Operette. Porträt und Handbuch einer unerhörten Kunst, Bärenreiter, Kassel 2004.
Kremer, Joachim: Französische Musik zwischen Nationalismus und Pluralismus. Aspekte eines nationalen Diskurses zwischen 1871-1920, von Bockel Verlag, Münster 2025.
Kristeva, Julia: Fremde sind wir uns selbst, Suhrkamp, Frankfurt 1990.
Locke, Ralph: Musical Exoticism. Images and Reflections, Cambridge University Press, Cambridge 2009. |