Briefe stellen eine zentrale Quelle für die Erforschung der Musikgeschichte dar. Aus ihnen gehen nicht nur (auto-)biographische Informationen über ihre Schreiber hervor, sondern auch Informationen über die Genese ihrer Werke, über ihre ästhetischen Ansichten, über ihre sozialen Netzwerke u.v.m. Briefe von Komponisten und Interpreten, Komponistinnen und Interpretinnen, haben immer auch eine breiteres Publikum angesprochen, da ihre Lektüre eine Begegnung mit der „Persönlichkeit“, mit dem Menschen hinter der schaffenden Person versprach.
Die Blütezeit der (handschriftlichen) Briefkultur ist das 19. Jahrhundert. Der Brief selbst wurde als Medium der Selbstinszenierung aufgefasst und behandelt. Spätestens mit dem Erreichen einer gewissen öffentlichen Bedeutung rechnete der Schreiber auch mit einer früheren oder späteren Veröffentlichung des Inhalts seiner Briefe. Dementsprechend bewusst wurden Briefe inhaltlich konzipiert, aber auch optisch gestaltet. Briefe Mendelssohns sind beispielsweise eine wahre Augenweide! Der zunehmende Einsatz der Schreibmaschine im 20. Jahrhundert verdrängte diesen Aspekt, nicht jedoch die Tendenz zur Selbstinszenierung. Die Erkenntnis über die Bedingtheit der Entstehung und die damit einhergehende Bedingtheit der Aussagekraft von Briefen ist das Ergebnis einer Theoriebildung über Briefkultur, die erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einsetzte. Für die rechte Interpretation von Briefen ist sie als Quellenkritik unverzichtbar geworden, da sie den Blick auf die individuellen Gegebenheiten des Schreibers und des Adressaten lenkt: Wer schreibt wann (in welcher persönlichen Lebenslage) an wen zu welchem Zweck? All diese Informationen beeinflussen den Inhalt eines Briefes maßgeblich.
Briefe bildeten den Grundstock zur überreichen Erinnerungsliteratur (Biographien, „Lebensbilder“, Briefausgaben) gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Sie wurden jedoch häufig recht frei und phantasievoll in ein bestehendes oder gewünschtes Bild der betreffenden Person eingebunden. Die Musikwissenschaft bildete im Verbund mit anderen philologischen Disziplinen Kriterien für eine wissenschaftliche Edition heraus. Zu etlichen „großen“ Komponisten gibt es eine laufende oder teils abgeschlossene (freilich niemals zu erreichende) Gesamtausgabe ihrer Briefe. In den vergangenen Jahrzehnten stand die Entwicklung einheitlicher Kriterien für die digitale Edition von Briefen im Mittelpunkt musikwissenschaftlicher Briefforschung.
Das Seminar vermittelt einen Einblick in die breite und bunte Welt der Briefe und ihre Möglichkeiten für eine sinnvolle Verwendung im Kontext von Forschung, Vermittlung und persönlicher Erbauung. |