| Kommentar |
Wenn von ethnischen Musikformen und deren Trägerkulturen die Rede ist, so assoziiert man damit leicht einen in bunten Aufmachungen präsentierten, global vermarktungsträchtigen Klangfolklorismus. Für den Außenstehenden verbindet sich mit einer derartigen Vorstellung durchaus auch eine Art Identifikationsmoment bezüglich regional 'typischer' Musik und Tanzformen.
Das Erkenntnisinteresse der Ethnomusikologie fokussiert derartige Phänomene unter speziellen Aspekten: z. B. der Annahme, dass sich erstens Gesellschaften unter ethnischen Kriterien beschreiben oder interpretieren lassen, und dass zweitens die im Rahmen ethnischer Gesellschaften jeweils aus der Innenperspektive als 'eigen' angenommene Musik eine auf die Ethnie als Ganzes bezogene Identifikations-Charakteristik zeigen kann. Die Vorstellung von ‚ethnischer Identität‘ wird dabei sowohl auf subjektive Bewusstseinszustände als auch auf beobachtbare Verhaltensweisen bezogen.
Die Innenbetrachtung identifikationsstiftender Charakteristika kann dabei erheblich von der Außenwahrnehmung durch 'Fremde' abweichen. Gemeinsam kann beiden Betrachtungsweisen die in der Analyse zutage tretende Erkenntnis sein, dass musikalische Phänomene im Sinne einer Identitätsbildung konstruiert und manipuliert werden können.
Musik haftet die Eigenart an, kollektives Gedächtnis und gegenwärtige Lokalitätserfahrungen mit einer Intensität, Kraft und unvermittelten Einfachheit evozieren und organisieren zu können, wie sie von keiner anderen sozialen Aktivität erreicht wird.
Die Kriterien, die zur Ausbildung eines identitätsstiftenden musikalischen Status führen, können auch von peripher musikstruktureller Art sein – den Textinhalten der Musik, der Art und Weise der Darbietung, wie auch dem Image und der Performativität der Darbietenden kommt eine gleichermaßen wichtige Bedeutung zu.
Auf einer Meta-Ebene könnte man bezüglich der sprachlichen Inhalte weiterhin argumentieren, dass Texte nicht zwingend als ein Abbild realer Intentionen verstanden werden müssen, sondern eine Spiegelung dessen wiedergeben können, was noch nicht 'ist', aber 'erstrebt' bzw. erwünscht 'wird'. Attali (1985:4) formuliert diese Möglichkeit einer Beziehung dahingebend, dass Musik die soziale Geschichte präfiguriert, die musikalischen Formen einer Ära die sozialen Prozesse der nachfolgenden Ära antizipieren. Gerade im Bereich von Musik (und Tanz) lassen sich demnach gesellschaftliche 'Großwetterlagen' vorab erkennen.
Der Grad performativer Charakteristika, in dem Musik und Tanz selbst dabei transformiert werden können, unterliegt einem durch Werte der sie ummantelnden Gesellschaft vorgeprägten begrenzten Variationsbereich: Überschreitet ein Genre diesen Variationsbereich, so leidet darunter die 'Glaubwürdigkeit' als Medium der Identitätsdarstellung. |
| Leistungsnachweis |
Bedingung für den Erwerb eines BN: Regelmäßige Teilnahme an der Veranstaltung. Recherche, kurzes Handout, schriftliche Anfertigung und Vortrag eines Referates von etwa 20 Minuten Länge (d.h. ca. 8-9 Seiten DIN A4).
AP: StA, HA
AP-Anmeldefrist: 4 Wochen vor Semesterende |